Ein Kapazitätsmarkt für eine sichere und klimaneutrale Stromversorgung

Deutsch­lands Strom­markt ba­siert ak­tu­ell auf dem Design des Energy-Only-Mark­tes (EOM), bei dem aus­schließ­lich der tat­säch­lich pro­du­zier­te und ge­lie­fer­te Strom an­hand des Merit-Order-Prin­zips ver­gü­tet wird. Im Ge­gen­satz da­zu sieht ein Ka­pa­zi­täts­markt auch Ver­gü­tun­gen für das Vor­hal­ten von ge­si­cher­ten Kraft­werks­ka­pa­zi­tä­ten vor, auch wenn kein Strom pro­du­ziert wird. So kön­nen auch in ei­nem li­be­ra­li­sier­tem Markt In­ves­ti­ti­o­nen in Kraft­werks­ka­pa­zi­tä­ten für Re­ser­ve und Back-ups über eine ge­si­cher­te Re­fi­nan­zie­rung an­ge­reizt wer­den.

Lan­ge Zeit sprach sich die Po­li­tik ge­gen eine Än­de­rung des be­ste­hen­den Strom­markt­designs aus und erst mit den Plä­nen zu einer Kraft­werks­stra­te­gie wur­de der Fo­kus auf den Aus­bau von ge­si­cher­ten Kraft­werks­ka­pa­zi­tä­ten neu aus­ge­rich­tet. An­fang Fe­bru­ar 2024 ver­ein­bar­te die Bun­des­re­gie­rung die we­sent­li­chen Eck­punk­te der deut­schen Kraft­werks­stra­te­gie (KWS). Im Ja­nu­ar 2026 konn­te sich die Bun­des­re­gie­rung dann end­lich mit der EU-Kom­mis­sion auf eine Kraft­werks­stra­te­gie ei­ni­gen. Die EU-Kom­mis­sion gab den Weg frei für zehn Gi­ga­watt (GW) an Neu­bau mit Lang­frist­ka­pa­zi­tät so­wie zwei GW tech­no­lo­gie­of­fe­ner ge­si­cher­ter Leis­tung bis 2031. Jetzt ist es ent­schei­dend, dass die Bun­des­re­gie­rung das Kraft­werks­si­cher­heits­ge­setz ver­ab­schie­det und das BMWE ein ge­eig­ne­tes Ka­pa­zi­täts­markt­mo­dell für ab 2032 vo­ran­treibt.

Warum braucht Deutschland ein neues Strommarktdesign?

Die Strom­ver­sor­gung in Deutsch­land hat sich ge­än­dert und ist durch den Hoch­lauf der er­neu­er­ba­ren Ener­gien ge­kenn­zeich­net. Durch die zu­neh­men­de Elek­tri­fi­zie­rung von Pro­zes­sen und dem gleich­zei­ti­gen Aus­stieg aus Atom- und Koh­le­ener­gie steht der Strom­markt vor He­raus­for­de­run­gen: Die Spit­zen­last, al­so die not­wen­di­ge ge­si­cher­te Leis­tung zum Zeit­punkt der höchs­ten Strom­nach­fra­ge steigt, wäh­rend die ge­si­cher­te Leis­tung bei der Strom­er­zeu­gung sinkt. Bis zum Jahr 2030 wer­den mehr als 30 Gi­ga­watt (GW) an ge­si­cher­ter Leis­tung vom Netz ge­hen. Al­lein im Zeit­raum 2020 bis 2022 wur­den 8 GW vom Netz ge­nom­men. Gleich­zei­tig ist da­von aus­zu­ge­hen, dass die Spit­zen­last auf rund 98 GW an­steigt. Da­durch ent­steht eine Strom­lü­cke und auf ab­seh­ba­rer Zeit die Not­wen­dig­keit des Aus­baus von ge­si­cher­ten Kraft­werks­ka­pa­zi­tä­ten.

Stromlücke bis 2030

Der Zu­bau an Ka­pa­zi­tä­ten zur Strom­er­zeu­gung, die auch dann zur Ver­fü­gung ste­hen, wenn der Wind nicht weht und die Son­ne nicht scheint, wird selbst un­ter op­ti­mis­ti­scher An­nah­me ver­mut­lich nicht aus­rei­chen: 2031 wer­den wei­ter­hin min­des­tens 15 Gi­ga­watt an ge­si­cher­ter Leis­tung feh­len.

Das zeigt das Sze­na­rio der Stu­die "Markt­de­sign für ei­nen si­che­ren, wirt­schaft­li­chen und de­kar­bo­ni­sier­ten Strom­markt", die das Be­ra­tungs­un­ter­neh­men enervis im Auf­trag von DIE GAS- UND WASSERSTOFFWIRTSCHAFT durch­ge­führt hat. Ak­tu­ell gibt es kei­ne In­ves­ti­ti­ons­an­rei­ze, die­se Lü­cke zu schlie­ßen.

Netzstabilität und Versorgungssicherheit werden derzeit nicht vergütet

Die Zu­ver­läs­sig­keit in der Strom­ver­sor­gung ist für un­se­re Wirt­schaft und In­dus­trie, aber auch für das täg­li­che Le­ben ab­so­lut un­ver­zicht­bar. Es muss drin­gend in den not­wen­di­gen Zu­bau von Er­zeu­gungs­ka­pa­zi­tä­ten wie was­ser­stoff­fä­hi­ge Gas-Kraft­wer­ke in­ves­tiert wer­den, an­dern­falls kann ei­ne si­che­re Strom­ver­sor­gung un­ter Um­stän­den nur mit auf­wen­di­gen und teu­ren Re­dis­patching-Maß­nah­men – Ein­grif­fe in die Er­zeu­gungs­leis­tung von Kraft­wer­ken, um Lei­tungs­ab­schnit­te vor ei­ner Über­las­tung zu schüt­zen – durch die Netz­be­trei­ber ge­währ­leis­tet wer­den.

Die Eu­ro­pä­i­sche Union hat ei­nen ge­mein­sa­men Ener­gie­bin­nen­markt, die na­ti­o­na­len Märk­te un­ter­schei­den sich den­noch in zwei grund­sätz­li­che Sys­te­me: den Energy-Only-Markt (EOM) und den Ka­pa­zi­täts­markt.

Ein Groß­teil des Strom­mark­tes in Deutsch­land ist ein Energy-Only-Markt, das heißt: Nur tat­säch­lich er­zeug­te Strom­men­gen kön­nen ge­han­delt wer­den. Der Strom­preis bil­det sich aus­schließ­lich aus An­ge­bot und Nach­fra­ge der tat­säch­li­chen Strom­er­zeu­gung. An­bie­ter von Ka­pa­zi­tä­ten er­wirt­schaf­ten al­so nur Ein­nah­men, wenn ih­re an­ge­bo­te­ne Ka­pa­zi­tät ab­ge­ru­fen wird. Das Vor­hal­ten von Re­ser­ve­ka­pa­zi­tä­ten, die bei Be­darf zur Ver­fü­gung ge­stellt wer­den kön­nen, wird in die­sem Strom­markt­de­sign nicht ver­gü­tet. Die In­ves­ti­ti­on in den Bau z. B. neu­er Gas-Kraft­wer­ke müss­te sich über we­ni­ge Stun­den im Jahr rech­nen, al­so wenn der Strom­preis ex­trem in die Hö­he schießt. Das setzt ei­ne ho­he Ri­si­ko­be­reit­schaft bei In­ves­to­ren vo­raus. Da­bei sind Gas-Kraft­wer­ke als re­gel­ba­re Er­zeu­gungs­an­la­gen da­zu in der La­ge, Ka­pa­zi­tä­ten vor­zu­hal­ten und an­zu­bie­ten, die zur Ab­si­che­rung von Eng­pass­si­tu­a­ti­o­nen, zum Bei­spiel bei ei­ner Dun­kel­flau­te er­for­der­lich sind.

Maßnahmen für mehr Versorgungssicherheit intensivieren

Für den Aus­bau der ge­si­cher­ten Leis­tung schaffte die Bun­des­re­gie­rung An­rei­ze. So er­wei­ter­te sie et­wa im Oster­pa­ket un­ter an­de­rem die Aus­schrei­bung von An­la­gen für die Er­zeu­gung von Strom aus grü­nem Was­ser­stoff um 4,4 GW von 2023 bis 2026 so­wie in­no­va­ti­ve Kon­zep­te mit was­ser­stoff­ba­sier­ter Strom­spei­che­rung um 4,4 GW von 2023 bis 2028. Doch reicht dies nicht aus, um den not­wen­di­gen Zu­bau an­zu­rei­zen und die ent­ste­hen­de Ver­sor­gungs­lü­cke zu schlie­ßen.

Der be­ste­hen­de Energy-Only-Markt setzt kei­ne aus­rei­chen­den In­ves­ti­ti­ons­sig­na­le, um den Bau drin­gend be­nö­tig­ter re­gel­ba­rer Leis­tung an­zu­rei­zen. Um die ak­tu­ell ho­he Qua­li­tät der Strom­ver­sor­gung auch in Zei­ten der Höchst­last bei­zu­be­hal­ten, müs­sen aus­rei­chend Er­zeu­gungs­ka­pa­zi­tä­ten vor­han­den sein.

Hohe Zuverlässigkeit der Stromversorgung

Der SAIDI zeigt: Die durchschnittliche Versorgungsunterbrechung in Deutschland ist auf einem niedrigen Niveau und ein Indiz für die Versorgungszuverlässigkeit.

Quelle: BNetzA

Verzögerte Kraftwerksstrategie bringt Kohleausstieg in Gefahr

Bis 2030 müs­sen 20 bis 30 leis­tungs­fä­hi­ge Gas­-Kraft­wer­ke ge­baut wer­den, die auch mit Was­ser­stoff be­trie­ben wer­den kön­nen, da­mit Deutsch­land aus der Koh­le aus­stei­gen kann – ohne den Wirt­schafts­stand­ort zu ge­fähr­den.

Denn mit dem Koh­le­aus­stieg ge­hen dem Ener­gie­sys­tem re­le­van­te Men­gen an ge­si­cher­ter Leis­tung ver­lo­ren. Um den Zu­bau der not­wen­di­gen Kraft­wer­ke zu ge­währ­leis­ten, braucht es die ent­spre­chen­den wirt­schaft­li­chen An­rei­ze für In­ves­to­ren, in neue Gas­-Kraft­wer­ke zu in­ves­tie­ren. An­ge­sichts der be­vor­ste­hen­den Pla­nungs-, Ge­neh­mi­gungs- und Bau­zei­ten für neue Kraft­wer­ke drängt die Zeit: Es dau­ert in­klu­si­ve Ge­neh­mi­gungs­ver­fah­ren min­des­tens fünf bis sechs Jah­re, bis der ers­te Strom er­zeugt wer­den kann – und die Zeit läuft erst ab dem Zeit­punkt ei­nes ent­spre­chen­den Rechts­rah­mens. Das Ziel der Kli­ma­neu­tra­li­tät 2045 und der an­ge­streb­te Koh­le­aus­stieg 2030 ma­chen da­her ei­ne Kraft­werks­stra­te­gie zu ei­nem dring­li­chen Kern­the­ma der Kli­ma- und Ener­gie­po­li­tik.

Gleich­zei­tig soll bis 2030 min­des­tens 80 Pro­zent des Strom­ver­brauchs über er­neu­er­ba­re Ener­gien ge­deckt wer­den – auch das be­nö­tigt wei­te­re Be­mü­hun­gen in den Aus­bau der Er­neu­er­ba­ren, die im Jahr 2025 ei­nen An­teil von et­wa 55 Pro­zent am Bruttostromverbrauch er­reich­ten.

EU-Kom­mis­sion be­wil­ligt deut­sche Kraft­werks­stra­te­gie

Die EU-Kom­mis­sion und die Bun­des­re­gie­rung ha­ben am 15. Ja­nu­ar 2026 eine Grund­satz­ei­ni­gung zu den im No­vem­ber 2025 im Ko­a­li­ti­ons­aus­schuss be­schlos­se­nen Eck­punk­ten der seit lan­gen er­war­te­ten Kraft­werks­stra­te­gie er­zielt. Da­mit eb­net die Kom­mis­sion den Weg für die Aus­schrei­bung von zwölf Gi­ga­watt steu­er­ba­rer Ka­pa­zi­tä­ten. Da­von sol­len zehn Gi­ga­watt als was­ser­stoff­fä­hi­ge Gas-Kraft­wer­ke und zwei Gi­ga­watt tech­no­lo­gie­of­fen aus­ge­schrie­ben wer­den. Die an­ge­kün­dig­ten zwölf Gi­ga­watt an neu aus­ge­schrie­be­ner Kraft­werks­leis­tung sind aber bei Wei­tem nicht aus­rei­chend. Nach dem Aus­stieg aus der Kern­ener­gie und mit dem Aus­stieg aus der Koh­le­ver­stro­mung braucht Deutsch­land bis 2035 deut­lich mehr ge­si­cher­te Leis­tung, die als Back-up für Wind- und Son­nen­ener­gie dient und Dun­kel­flau­ten ab­si­chert. Im jüngs­ten Ver­sor­gungs­si­cher­heits­mo­ni­to­ring be­nennt die Bun­des­netz­agen­tur die Leis­tungs­lü­cke klar: die Strom­ver­sor­gung in Deutsch­land ist nur ge­währ­leis­tet, wenn bis 2035 min­des­tens 22 GW an steu­er­ba­ren Ka­pa­zi­tä­ten er­rich­tet wer­den.

In der Grund­satz­ei­ni­gung ist auch ein tech­no­lo­gie­of­fe­ner, um­fas­sen­der Ka­pa­zi­täts­markt an­ge­legt – denn nur ein Ka­pa­zi­täts­markt be­lohnt ver­läss­lich be­reit­ge­stell­te Leis­tung. Er schafft In­ves­ti­ti­ons­si­cher­heit, ver­hin­dert teu­re Knapp­heits­prei­se und dämpft die Strom­prei­se.

Die­se Lö­sung ist in der EU be­reits eta­bliert wur­de, die kei­ne Haus­halts­mit­tel er­for­dert und die volks­wirt­schaft­lich güns­ti­ger ist als das vor­ge­schla­ge­ne Kon­zept: Ein um­fas­sen­der Ka­pa­zi­täts­markt, der die re­gel­ba­ren Kraft­werks­ka­pa­zi­tä­ten in den Wett­be­werb stellt. Durch ein ge­schick­tes Design ei­nes Ka­pa­zi­täts­mark­tes las­sen sich un­ter­schied­li­che Tech­no­lo­gien und ge­wünsch­te Stand­or­te an­rei­zen. Vie­le Bei­spie­le aus dem Aus­land, wie in Bel­gien, zei­gen die Wirk­sam­keit und die Kos­ten­vor­tei­le ei­ner markt­ba­sier­ten Lö­sung ge­gen­über der in Deutsch­land prä­fe­rier­ten Ein­zel­aus­schrei­bun­gen. Die ein­ge­tre­te­ne Ver­zö­ge­rung im Um­bau des Kraft­werks­parks lie­ße sich durch die­sen neu­en An­satz ver­mut­lich nicht auf­ho­len, al­ler­dings be­steht nun die Chan­ce für ei­nen Neu­start. Die­ser könn­te es er­mög­li­chen, die Zie­le si­cher zu er­rei­chen und da­bei die Bür­ge­rin­nen und Bür­ger nicht über Ge­bühr zu be­las­ten.

Die Ab­schal­tung der Koh­le­kraft­wer­ke ist bis 2030 kaum noch rea­li­sier­bar. Denn für die da­für not­wen­di­gen neuen, was­ser­stoff­fä­hi­gen Gas­-Kraft­wer­ke muss mit ei­ner Bau­zeit von fünf bis sechs Jah­ren ge­rech­net wer­den.

Dr. Timm Kehler, Vorstand DIE GAS- UND WASSERSTOFFWIRTSCHAFT
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Vorteil Kapazitätsmarkt

Durch die Ein­füh­rung von Me­cha­nis­men ei­nes Ka­pa­zi­täts­mark­tes kann ein deut­lich ef­fek­ti­ve­rer Zu­bau an­ge­reizt wer­den. Strom­er­zeu­gungs­ka­pa­zi­tä­ten kön­nen z. B. aus­ge­schrie­ben wer­den, die Prei­se wür­den sich über den freien Wett­be­werb re­geln. Der Ka­pa­zi­täts­markt bie­tet ein ho­hes Maß an Ver­sor­gungs- und Pla­nungs­si­cher­heit: Er ver­gü­tet auch vor­ge­hal­te­ne Re­ser­ve­ka­pa­zi­tä­ten, die nur dann Ener­gie pro­du­zie­ren, wenn die­se tat­säch­lich be­nö­tigt wer­den.

Po­si­ti­ver Ne­ben­ef­fekt: Un­ter Zu­hil­fe­nah­me ge­ziel­ter Steu­e­rungs­ele­men­te geht ei­ne zu­neh­men­de De­kar­bo­ni­sie­rung der ge­si­cher­ten Leis­tung ein­her. Aus Kli­ma­schutz­pers­pek­ti­ve bie­tet dies ei­nen deut­li­chen Vor­teil ge­gen­über der stra­te­gi­schen Re­ser­ve in wel­cher fos­sil be­trie­be­ne Kraft­wer­ke über Jah­re vor­ge­hal­ten wer­den, oh­ne bei den Be­trei­bern In­ves­ti­ti­o­nen zur Emis­si­ons­min­de­rung an­zu­rei­zen.

Kapazitätsmärkte in Europa

Ka­pa­zi­täts­me­cha­nis­men ha­ben sich in ei­ni­gen Län­dern be­reits seit län­ge­rem be­währt. In­ner­halb Eu­ro­pas setzt sich da­bei vor al­lem der um­fas­sen­de Ka­pa­zi­täts­markt durch, so zum Bei­spiel in Bel­gien, Groß­bri­tan­nien, Ir­land, Ita­lien und Po­len. In die­sem wird der Be­darf an ge­si­cher­ter Leis­tung fest­ge­legt und zen­tral, zum Bei­spiel durch Netz­be­trei­ber, be­schafft. Al­le Strom­er­zeu­ger kön­nen an den Be­schaf­fungs­aus­schrei­bun­gen teil­neh­men.

Im Ver­ei­nig­ten Kö­nig­reich wur­den mit Ein­fü­hrung ei­nes um­fas­sen­den Ka­pa­zi­täts­mark­tes im Jahr 2014 zu­sätz­li­che An­rei­ze zur Leis­tungs­be­reit­stel­lung im Strom­markt ein­ge­führt, um von den Über­tra­gungs­netz­be­trei­bern an­ti­zi­pier­ten Ka­pa­zi­täts­eng­päs­sen vor­zu­beu­gen.

Der bel­gi­sche Ka­pa­zi­täts­markt ist ei­ner der jüngs­ten in Eu­ro­pa und wur­de kon­zi­piert als Ant­wort so­wohl auf den ge­plan­ten Kern­ener­gie­aus­stieg bis 2025 als auch auf Kraft­werks­still­le­gun­gen in an­gren­zen­den Staa­ten.

In Frank­reich ver­traut man seit 2016 auf ei­ne de­zen­tra­le Leis­tungs­ver­pflich­tung: Zwi­schen An­bie­ter und Nach­fra­ger von Ka­pa­zi­tä­ten be­steht ein Han­del mit Zer­ti­fi­ka­ten, bei wel­chem sich die Nach­fra­ge­sei­te je nach Bei­trag zur Spit­zen­last ver­pflich­tet, ein Jahr im Vo­raus aus­rei­chend Ka­pa­zi­tä­ten zu er­wer­ben.

Es gibt ver­schie­de­ne Ar­ten von Ka­pa­zi­täts­me­cha­nis­men, die von Re­gu­lie­rungs­be­hör­den und Ener­gie­markt­be­trei­bern ein­ge­setzt wer­den, um die Ver­sor­gungs­si­cher­heit zu ge­währ­leis­ten. Sie ge­hen weit über flan­kie­ren­de Maß­nah­men hi­naus, mit de­nen ak­tu­ell ver­sucht wird, Un­gleich­ge­wich­ten zwi­schen Er­zeu­gung und Ver­brauch im Strom­markt vor­zu­beu­gen.

  • Stra­te­gi­sche Re­ser­ve: Ei­ne be­stimm­te Men­ge an Kraft­werks­ka­pa­zi­tät wird als Re­ser­ve vor­ge­hal­ten, die nur in Not­fäl­len ge­nutzt wird, z. B. wenn die Nach­fra­ge nach Strom das An­ge­bot über­steigt. Die vor­ge­hal­te­nen Re­ser­ve­kraft­wer­ke ste­hen dem Strom­markt nicht zur Ver­fü­gung. Seit dem Win­ter 2020/21 flan­kiert Deutsch­land den EOM au­ßer­halb des Mark­tes mit ei­ner stra­te­gi­schen Re­ser­ve.
  • Ka­pa­zi­täts­ver­stei­ge­rung: Die Strom­ver­sor­gung wird über ei­ne Auk­ti­on or­ga­ni­siert, bei der Be­trei­ber von Kraft­wer­ken ei­ne be­stimm­te Men­ge an Ka­pa­zi­tät an­bie­ten kön­nen, die von Strom­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men er­wor­ben wird. Die ge­sam­te vor­ge­hal­te­ne Ka­pa­zi­tät wird ver­gü­tet.
  • Ka­pa­zi­täts­markt: An ei­nem ei­ge­nen Markt kön­nen Strom­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men Ka­pa­zi­täts­zer­ti­fi­ka­te kau­fen, um si­cher­zu­stel­len, dass sie ge­nü­gend Strom­ka­pa­zi­tät ha­ben, um die Nach­fra­ge zu de­cken. Die ge­sam­te vor­ge­hal­te­ne Ka­pa­zi­tät wird ver­gü­tet.
  • Ver­trags­me­cha­nis­men: Strom­ver­sor­gungs­un­ter­neh­men schlie­ßen mit Be­trei­bern von Kraft­wer­ken Ver­trä­ge ab, um be­stimm­te Ka­pa­zi­täts­men­gen für ei­nen be­stim­mten Zeit­raum zu si­chern. Die ge­sam­te vor­ge­hal­te­ne Ka­pa­zi­tät wird ver­gü­tet.
  • An­reiz­me­cha­nis­men: Es wer­den fi­nan­zi­el­le An­rei­ze pro in­stal­lier­ter Ein­heit Leis­tung in Form von Ka­pa­zi­täts­zah­lun­gen oder re­gu­la­to­ri­scher Vor­ga­be ge­schaf­fen, die da­rauf ab­zie­len, die In­ves­ti­ti­o­nen in den Aus­bau von Strom­ka­pa­zi­tä­ten zu för­dern.

Wir wol­len ei­nen Wett­be­werb zwi­schen den Tech­no­lo­gien um das Gut der Ver­sor­gungs­si­cher­heit. Dann kann der Markt über ein ef­fi­zien­tes Tech­no­lo­gie­port­fo­lio ent­schei­den.

Dr. Timm Kehler, Vorstand DIE GAS- UND WASSERSTOFFWIRTSCHAFT
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Der Energy-only-Markt allein reicht nicht mehr aus

Die An­pas­sung des be­ste­hen­den Strom­markt­de­signs ist längst über­fäl­lig. Die Kom­bi­na­ti­on aus Ka­pa­zi­täts­re­ser­ve und EOM funk­ti­o­nier­te in der Ver­gan­gen­heit, da zu je­dem Zeit­punkt aus­rei­chend Ka­pa­zi­tä­ten zur Ver­fü­gung stan­den. Künf­tig wird Deutsch­land ver­mehrt auf fle­xi­bel ein­setz­ba­re Ener­gien wie Pump­spei­cher oder H2-ready Gas-Kraft­wer­ke an­ge­wie­sen sein. Durch den Ein­satz elek­tri­scher Wär­me­pum­pen und den Aus­bau der Elek­tro­mo­bi­li­tät wird der Strom­be­darf vor al­lem wäh­rend der Heiz­pe­ri­o­de so­wie in den Mor­gen- und Abend­stun­den an­stei­gen. Bei Käl­te­wel­len oder Dun­kel­flau­ten müs­sen ent­spre­chen­de Back-up-Ka­pa­zi­tä­ten vor­han­den sein, auch um ei­ne Über­las­tung des Strom­net­zes zu ver­mei­den.

Das Prin­zip Energy-Only-Markt und Ka­pa­zi­täts­re­ser­ve mit Ver­mark­tungs- und Rück­kehr­ver­bot wird künf­tig nicht mehr aus­rei­chen. Die ge­si­cher­te Leis­tung wür­de zum Eng­pass wer­den. Mit Blick auf die Ver­sor­gungs­si­cher­heit ist der Me­cha­nis­mus der stra­te­gi­schen Re­ser­ve zu we­nig ef­fek­tiv, die Men­ge wird auf ad­mi­nis­tra­ti­ver Ebe­ne ge­schätzt und ist nicht in den Strom­markt in­te­griert.

Es ist un­er­läss­lich, dass vor­ge­hal­te­ne Strom­ka­pa­zi­tä­ten künf­tig ver­gü­tet wer­den. Die Ein­füh­rung ei­nes um­fas­sen­den Ka­pa­zi­täts­mark­tes in Deutsch­land wür­de deut­li­che Vor­tei­le mit sich brin­gen, denn er ist ein wich­ti­ger Me­cha­nis­mus für Ener­gie­wen­de und Ver­sor­gungs­si­cher­heit. Ein brei­tes Port­fo­lio an ver­schie­de­nen Tech­no­lo­gien kann für ein re­si­lien­tes Ener­gie­sys­tem sor­gen. Der Ka­pa­zi­täts­markt er­mög­licht den Ener­gie­er­zeu­gern, ih­re In­ves­ti­ti­o­nen zu re­fi­nan­zie­ren und sorgt da­für, dass die Strom­er­zeu­gungs­ka­pa­zi­tät stets aus­rei­chend ist, um die Nach­fra­ge der Ver­brau­chen­den zu de­cken.

Wir müssen jetzt handeln

Um die Ver­sor­gungs­si­cher­heit im Zu­ge der Trans­for­ma­tion zur Kli­ma­neu­tra­li­tät si­cher­zu­stel­len, muss der Auf­bau neuer ge­si­cher­ter Leis­tung jetzt kon­se­quent vo­ran­ge­trie­ben wer­den. Der deut­sche Strom­sek­tor be­fin­det sich in einer tief­grei­fen­den Um­bruch­pha­se: Der Aus­bau er­neu­er­ba­rer Ener­gien schrei­tet vo­ran, der Koh­le­aus­stieg ist ge­setz­lich an­ge­legt und durch die zu­neh­men­de Elek­tri­fi­zie­rung von In­dus­trie, Ver­kehr und Wär­me stei­gen die An­for­de­run­gen an das Strom­sys­tem deut­lich. Ent­schei­dend ist da­bei nicht al­lein die ins­tal­lier­te Er­zeu­gungs­leis­tung, son­dern die je­der­zeit ver­läss­lich ver­füg­ba­re, steu­er­ba­re Ka­pa­zi­tät – ins­be­son­de­re in Pha­sen ge­rin­ger er­neu­er­ba­rer Ein­spei­sung.

Fle­xib­le, pers­pek­ti­visch was­ser­stoff­fä­hi­ge Kraft­wer­ke blei­ben da­für ein zen­tra­ler Bau­stein. Sie si­chern das Sys­tem in Knapp­heits­si­tu­a­ti­o­nen ab, er­mög­li­chen den wei­te­ren Aus­bau er­neu­er­ba­rer Ener­gien und bil­den zu­gleich eine Brü­cke in ein kli­ma­neu­tra­les Ener­gie­sys­tem. Da­für müs­sen Kraft­werks­zu­bau, Was­ser­stoff­kern­netz, Spei­cher­in­fra­struk­tur und die spä­te­re Um­stel­lung auf Was­ser­stoff früh­zei­tig zu­sam­men­ge­dacht wer­den.

Mit dem im Mai 2026 vor­ge­leg­ten Re­fe­ren­ten­ent­wurf für das Strom-Ver­sor­gungs­si­cher­heits- und Ka­pa­zi­täts­ge­setz liegt nun ein kon­kre­ter ge­setz­li­cher Rah­men für den Auf­bau neuer ge­si­cher­ter Leis­tung vor. Der Ab­schluss des Ge­setz­ge­bungs­ver­fah­rens ist noch vor der Som­mer­pau­se vor­ge­se­hen. Da­mit aus dem Ent­wurf tat­säch­lich In­ves­ti­ti­o­nen ent­ste­hen, müs­sen Zeit­plan, Aus­schrei­bungs­design, tech­ni­sche An­for­de­run­gen und In­fra­struk­tur­pla­nung pra­xis­taug­lich in­ei­nan­der­grei­fen.

Ak­tu­ell ist vor­ge­seh­en, meh­re­re Aus­schrei­bungs­run­den durch­zu­füh­ren: ers­te Ge­bots­ter­mi­ne für Lang­zeit­ka­pa­zi­tä­ten im Sep­tem­ber und De­zem­ber 2026, eine wei­te­re Run­de für Er­zeu­gungs­ka­pa­zi­tä­ten im Mai 2027 so­wie wei­te­re Ka­pa­zi­täts­aus­schrei­bun­gen in den Jah­ren 2027 und 2029. Ins­ge­samt sol­len da­mit kurz­fris­tig neue Ka­pa­zi­tä­ten in re­le­van­ter Grö­ßen­ord­nung an­ge­reizt wer­den – ins­be­son­de­re rund 9 GW neue Gas-Kraft­werks­ka­pa­zi­tä­ten so­wie zu­sätz­li­che Spei­cher- und Ka­pa­zi­täts­aus­schrei­bun­gen. Ziel ist es, neue ge­si­cher­te Leis­tung recht­zei­tig für den Er­brin­gungs­zeit­raum ab dem 1. No­vem­ber 2031 be­reit­zu­stel­len. Da­ran an­schlie­ßend soll ab 2032 ein dau­er­haf­ter Ka­pa­zi­täts­me­cha­nis­mus fol­gen, der die lang­fris­ti­ge Markt­ar­chi­tek­tur für ge­si­cher­te Leis­tung ab­si­chert.

Expertenthema
Broschüre zum Thema Kapazitätsmarkt

Kapazitätsmarkt für die Energiewende

Das deut­sche Ener­gie­sys­tem be­fin­det sich in ei­ner nie da ge­we­se­nen Trans­for­ma­ti­on. Der Aus­stieg aus Koh­le und Atom bei gleich­zei­tig wach­sen­dem Strom­be­darf stellt die Netz­sta­bi­li­tät und Ver­sor­gungs­si­cher­heit auf die Pro­be. Wie ein um­fas­sen­der Ka­pa­zi­täts­markt Deutsch­land un­ter­stützt, kli­ma­neu­tral zu wer­den, le­sen Sie in un­se­rer Bro­schü­re.

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